Hinter verschlossenen Türen…
… erwartet dich ein Geheimnis.
Am Eingang gibt es keine Klingel. Auch keine Klinke. Um in das Haus hineinzukommen, muss ich meinen Freund anrufen. Der ist schon drin, zusammen mit seinem Freund. Sie renovieren dort. Sein Freund wird ab jetzt da leben, wo vorher Obdachlose gehaust haben. Da, wo sich Bierdosen stapeln und schon längst unter den Plastetüten und Verpackungen verrostet sind. Ich habe eine Vorstellung vom Inneren, aber nur von den Sprüchen der anderen: “Da wollen selbst die Penner nicht mehr leben, weil sie Angst haben durch den Boden zu brechen.” Oder “Man kann durch die Decke in die nächste Etage gucken.” Dass ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was es außer Löcher gibt, wird mir bewusst, als mich mein Freund hineinlässt.
Ich trete in einen breiten Zwischengang, der in den Hof führt. Er ist vollgestellt mit blauen Müllsäcken und gelben Eimern, die mit Schutt beladen sind. Da, wo noch Platz ist, stehen Fahrräder. Ich stelle meines daneben und folge meinem Freund in die nächste Eingangstür (wobei ich mich nicht erinnern kann, ob es nur ein Rahmen war oder ob er auch Türen hatte). Der Rahmen war mit Glas verziert, aber das ist zerbrochen. Ich gehe die ersten Stufen ins Haus. Eine Stufe gibt ein bisschen nach. Wie Gummi unter meinem Fuß. Als ich in den Flur trete, blicke ich in die Räume rechts und links. Sie sind unaufgeräumt, provisorisch eingerichtet. An der Decke hängen Spinnenweben. Der Weg führt uns auf eine Treppe. Kein Geländer. Vorbei an weiteren Müllsäcken, an Holz, Eimern, abgeblätterter Wandfarbe, herunterhängende Kabel. Eine, zwei Etagen höher führt mich mein Freund nach links. “Da sind wir”, sagt er und mein Blick fällt als erstes auf das Badezimmer. Zumindest erkenne ich zwischen den zerbrochenen Fließen, dem Dreck und herunterhängenden Tapetenstücken eine abgebrochene Kloschüssel. In der rechten Ecke der Decke klafft ein schwarzes Loch. Der Raum gegenüber ist zugemüllt mit Tapetenstücken. “Und hier ist das Wohnzimmer!”, sagt mein Freund strahlend. Ich bin überrascht über den sauberen Raum, leer und hell ist er.
Ich bin hier, um zu arbeiten, zu helfen, denn in diesem Haus werden in den nächsten Jahren noch viele helfende Hände gebraucht. Das Wichtigste ist jedoch zuerst einmal das Zimmer unseres Freundes. Es braucht einen neuen Anstrich, der PVC-Boden muss raus und es braucht Strom. Statt einer Heizung gibt es einen kleinen Ofen. Sporadisch ist fast übertrieben. Unvollständig ist seine neue Wohnung. Denn bis das Bad und die Küche renoviert sind, werden noch Monate vergehen. So lange wird er dazu zwei Etagen tiefer gehen müssen, in die Wohnung seiner Vermieterin.
Ich möchte mir nicht vorstellen, selbst in einer Wohnung zu leben, die so herunter gekommen ist. Aber hier zu helfen, das ist ein Abenteuer. Ein privates Abrisshaus, das ich mit der Kamera erkunde. Ohne Angst haben zu müssen, einem Fremden zu begegnen. Die Treppenstufen locken mit auf den Dachboden. Das erste Zimmer, das ich vorsichtig betrete, sieht aus wie panikartig verlassen. In einer Ecke steht ein altes Kinderbett, die Vorhänge hängen noch an den Fenstern, zwei umgeschmissene Stühle liegen in davor. Überall Schutt, Zeitungen, Bierflaschen. An die Wand sind Sprüche geschmiert ”Es gibt manche Leute, die haben vergessen, daß sie einstmals im Boot der Jugend gesessen haben” oder “Seitdem ich Menschen kenne, liebe ich Tiere” oder “Die Gierde der Menschheit bringt uns in den Tod”. Es ist still um mich herum.
Dann höre ich unter mir ein Hämmern. Die Jungs arbeiten schon, deshalb gehe ich auch wieder nach unten. Meine erste Aufgabe ist, die abgerissene Tapete in Müllsäcke zu stopfen. Langsam leert sich das kleine Zimmer. Mit jedem Müllsack, den ich fülle, denke ich: das ist nicht viel, es ist fast nichts, aber all das muss raus. So viel Schutt, so viel Dreck, der hier überflüssig ist und ersetzt werden will, durch neue Wandfarbe, durch neue Möbel und Menschen.
Ich konnte nicht glauben, dass hinter den zerfallenen Häuserfassaden der Stadt doch Leben blüht, dass es Menschen gibt, die gegen den Verfall arbeiten. Die Vermieterin meines Freundes ist jung. Ich schätze sie so alt wie mich. Trotzdem kümmert sie sich um dieses Haus. Ich finde das beeindruckend und es macht mir Spaß dazu beizutragen, ein Teil der Helfer zu sein.









